Interessante Kirche

Was kann die Amtskirche tun, damit sie für alle Leute wieder interessant wird?

1. Sprecht die Menschen bei Ihrem Ego, Ihrer Seele und Ihrer Spiritualität an!

2. Präsentiert neue Geschichten, Inhalte und Fakten zum Thema Glauben!

3. Seid den Menschen und anderen Religionen ein Vorbild in Offenheit und Toleranz und löst euch von dem absoluten Wahrheitsanspruch!

4. Übt mehr Kritik an zunehmender sozialer Ungerechtigkeit und gewinn- und leistungsorientierter Gesellschaft!


Zu 1)
Sprecht die Menschen bei Ihrem Ego, Ihrer Seele und Ihrer Spiritualität an!

"Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Letzterer Satzteil wird ziemlich stiefmütterlich behandelt, weil Selbstliebe meist mit Egoismus gleichgesetzt wird. Dabei bedeutet Selbstliebe in meinen Augen auch, sich selbst ernst zu nehmen und auf seinen Verstand und sein Gefühl zu vertrauen. Und das machten uns alle Religionsstifter vor.

Sie zogen sich alleine in eine einsame Gegend zurück und machten mystische Erfahrungen: Jesus wurde nach langem Fasten vom Teufel versucht, Moses sah einen brennenden und sprechenden Dornbusch, Buddha verhungerte fast in Meditation und Mohammed suchte Gott ab seinem 40. Lebensjahr in der Einsamkeit der Wüste in langen Andachtsübungen. Auch Zarathrustra und Laotse gewannen ihre Weisheit in der Wüste. Sie alle hatten einen Grund, sich den Einflüssen der Wüste auszusetzen: sie suchten Gott und rangen nach Erkenntnissen. "Suchet, so werdet ihr finden." Aber nicht irgendwo – ist meine Meinung - sondern in sich selbst.

Warum hat wohl Luther, Gandhi, Jeanne d'Arc oder Hildegard von Bingen so viel in ihrem Leben erreicht und bewegt? Wohl kaum, dass Gott persönlich hinter ihnen stand und sie antrieb. Sie handeltem nach dem, was sie für sich als wahr erkannt haben - aus eigener Überzeugung und mit enormer Durchsetzungskraft gegenüber Widrigkeiten, die sich ihnen in den Weg stellten. Ein Spruch von Martin Luther King passt zu dem Thema wie die Faust aufs Auge: "Nichts auf der Welt wird geschehen, wenn wir träge darauf warten, das Gott alleine sich darum kümmert."

Wenn sich heute jemand für eine erweiterte Form der Spiritualität interessiert und einen Pfarrer dazu befragt, denn versucht dieser meist das Ganze in die esoterische oder gar okkulte Ecke abzudrängen und dies als schädlich für Leib und Seele darzustellen. Dabei kann keine Religion, auch nicht die christliche, eine exoterische (fürs Volk) und eine esoterische (für "Auserwählte") Ebene leugnen.

Auch in einem anderen Bereich zeigt sich - und das ist wissenschaftlich erwiesen - dass sich durch festen Glauben, egal ob an Gott oder einen Heiligen, an die eigene Kraft oder an eine Methode, Berge versetzen lassen: in der Heilung von Krankheiten. Kürzlich las ich ein Buch: "Unterwegs in die nächste Dimension - meine Reise zu Heilern und Schamanen" von Clemens Kuby. Auf dem Klappentext steht: "Der Mensch trägt unendlich viele Möglichkeiten der Selbstheilung in sich. Ob er sie durch geistige oder materielle Mittel aktiviert, hängt davon ab, woran er glaubt, was sein Bewusstsein für wahr und nicht für wahr hält. Wirklichkeit ist das, was wirkt."

Wieder auf den Bereich des Glaubens bezogen: die Kirche gibt eine Wirklichkeit vor, ein Dogma - das alle selig machen soll. Für viele reicht das aus, aber eben nicht für alle. Ich fühlte mich sogar oft schuldig, weil ich an christlichen Lehrsätzen und Glaubensinhalten zweifelte. Es ist ein langer Weg gewesen, mich davon zu befreien. Und ich weiß auch heute noch nicht, wie und ob ich meine Meinung überhaupt vertreten soll oder kann, wenn ich z.B. mit "regeltreuen" Christen ins Gespräch komme. Soll ich sagen, dass Jesus Christus für mich ein erleuchteter Erleuchter, ein Aufklärer, war, aber nicht der Sohn Gottes im kirchlich definierten Sinne? Zu jener Zeit soll der Titel "Sohn Gottes" der Bezeichnung wie etwa heute "Doktor der Theologie" entsprochen haben. Da die Menschen damals seine Wunder nicht erklären konnten, wurde er schnell zum Mythos. Auch Buddha wurde zwei bis drei Jahrhunderte nach seinem Wirken zu einem göttlichen Wesen gemacht. Ich bin davon überzeugt, dass wir alle Gott im Herzen tragen, alle Töchter und Söhne Gottes sind und alle Möglichkeiten in uns tragen, die uns Jesus zeigte.

Manche extrem charismatische Freikirchen und Sekten haben so viel Zulauf, weil sie den Gläubigen in seiner Spiritualität und in seinem Glauben an das Ungewöhnliche unterstützen (Zungenreden, Geistestaufe, Geistheilungen, Visionen/Bilder). Die Leute merken jedoch nicht, wie sehr sie auf eine Linie eingeschworen, in eine Richtung beeinflusst werden und abhängig gemacht werden. Zum Vergleich schnell noch ein Schwenk ins Gesundheitswesen: ein schlechter Therapeut oder Heiler ist jemand, der den Patienten abhängig macht.

Die evangelische Kirche könnte dem suchenden Menschen eine neutrale Stütze sein, zum eigenen Weg, zur eigenen Wahrheit zu ermutigen und ihn begleiten. Übrigens, eine Wahrheit, die man für sich erkannt hat, muss auch nicht immer so bleiben. Sie ist ausbaufähig, veränderbar oder kann wieder verworfen werden.

Eine Wahrheit, die ich für mich herausgefunden habe und die sonst niemand glauben muss, betrifft zum Beispiel dies:

Laut Bibel hat Jesus gesagt:
"Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben." (Johannes 8,12).

Für mich persönlich glaube ich, dass man diese Aussage auch anders interpretieren kann. Jesus war ja nicht dumm und wusste, wie die Leute zu jener Zeit dachten und wie sie gestrickt waren. Wenn er gesagt hätte: "Glaubt an ein Leben nach dem Tod, dann werdet ihr leben!", dann hätten ihn die Leute sicher nicht verstanden. So hat er - wie er es gern tut - ein leichter verständliches Bild gezeichnet. Einer geht vor, die anderen folgen. Für die meisten Leute damals (und heute) wahrscheinlich viel einfacher nachzuvollziehen und zu glauben. Da ich stark annehme, dass wir unsere Realität mit unseren Gedanken und Überzeugungen selbst schaffen, ist es in Bezug auf unser Weiterexistieren nach dem Tod egal, ob wir Jesus nachfolgen oder selbst an ein Weiterleben glauben, wir werden es tun.

Zu 2)
Neue Geschichten, Fakte und Inhalte zum Thema Glauben

Entschuldigung, dass ich es so ausdrücke, aber die alte Leier - Jesus erlöst dich - Gott beschützt dich - die Bibel ist das Wort Gottes - ruft bei vielen "ungläubigen" Menschen nur noch ein müdes Lächeln hervor. Anders angepackt werden diese Themen doch noch interessant für sie. Neue überraschende Fakten und Inhalte findet man auch in anderen Religionen, heutigen und alten Kulturkreisen oder in Niederschriften von Philosophen. Man liest oft Vergleichbares, Ähnliches, Ergänzendes oder auch etwas völlig Kontroverses, worüber es sich lohnt nachzudenken.

Ein Beispiel: die Wiedergeburt. In heutigen christlichen Kreisen wird sie verneint, obwohl in frühchristlicher Zeit daran geglaubt wurde. Wer weiß schon, dass das Konzept der Wiedergeburt im Jahre 499 auf dem Konzil von Konstantinopel auf Wunsch des römischen Kaisers vom Papst aus der christlichen Gedankenwelt gestrichen wurde? Und das aus banalen materiellen Gründen: der Erbfolge. Einfügung am 26.2.06: Kann sein, dass das mit diesem Konzil nicht ganz richtig ist, habe Entsprechendes gelesen. Werde mehr schreiben, wenn ich mehr darüber weiß. In Indien, Tibet etc. ist die Wiedergeburt ein fester Bestandteil des Allgemeinwissens und des Glaubenslebens. Wiedergeburten konnten sogar konkret nachgewiesen werden.

Bezogen auf viele Themen wie Tod, Krankheit, Erziehung, Sexualität, Sünde & Schuld, Traum & Realität, Gut & Böse wird in anderen Kulturen ganz anders gelebt oder gedacht - vieles davon kann man vorbildlicher und besser als bei uns finden, manches davon altmodischer und einengender. Aber warum kann nicht jeder das Positive in sein Leben einfließen lassen? Wenn ich nur an den christlichen Erklärungsversuch denke, warum es Leid auf der Welt gibt. Diese Zurechtbiegungstheorien (Gott straft, Gott prüft, das ist der Teufel, der Mensch ist böse...) stellen nicht jeden zufrieden. Sinnvolleres und Weitsichtigeres finde ich persönlich in östlichen Philosophien.

Ich denke, man lockt etliche Menschen in die Kirche, wenn man verstärkt Denkansätze aus anderen Kulturkreisen vorstellt und zum Nachdenken anregt.

Zu 3)
Offenheit und Toleranz

Das Thema schließt an Absatz 2 an. Natürlich kommt man mit den Menschen nur in einen echten Dialog in bewegenden Philosophie- und Lebensfragen, wenn man die eigene Religion nicht als die einzig Wahre verkaufen will. Als Grundlage für einen Vergleich soll sie dienen, aber nicht als Vorbild.

Zu 4)
Kritik an zunehmender sozialer Ungerechtigkeit und gewinn- und leistungsorientierter Gesellschaft

Ich kann mir vorstellen, dass manche Menschen die kritische Stimme der Kirche vermissen, was das Zusammenspiel von Staat, Wirtschaft und Industrie betrifft. Für einfache Leute wird es immer schwerer, viele geraten in soziale Not. Die Kirchen helfen an der Basis ihrer Gemeinde und stopfen Löcher. Die Amtskirche könnte sich trotzdem mehr dort einmischen, wo das Übel entsteht: an der Spitze der Regierung. Noch etwas: Ein paar Leute beobachten auch schon mit Sorge die Zusammenarbeit der evangelischen Kirche mit extremen fundamendalistisch-christlichen Gruppierungen in den USA. Sich in diese Richtung zu bewegen wäre für die deutsche Amtskirche fatal.
Durch jahrelange Beschäftigung mit Glaubens- und Lebensfragen - viele philosophische Gespräche, Mitarbeit in einem Bibelkreis, verschiedenartige Literatur, Vorträge in Hof und Dokus im Fernsehen, eigene Erfahrungen - haben wir uns in vielen Glaubensdingen ein ganz anderes Bild machen können, als dies in der Kirche vertreten wird.

Ich könnte mir Wege vorstellen, wie man Menschen für die Kirche und die christliche Religion begeistern kann, die sich vorher nicht oder wenig dafür interessiert haben. Moderne Musik im Gottesdienst wird wahrscheinlich nicht viele neue Leute anlocken.

Manche Menschen suchen auf ihrem Lebensweg mehr nach Sinn – wozu mein Mann und ich gehören, manche mehr nach Sicherheit. Viele Menschen haben ihre Sicherheit bei Gott. Diese Gläubigen wollen wir nicht verunsichern und den Glauben wegnehmen. Aber den Zweiflern, Sinnsuchern und Fragenden sollte die evangelische Amtskirche auch eine Anlaufstelle sein, die nicht in eine vorgebene Richtung weist.

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