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08.05.2017, 11:10
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Infantile Amnesie

Infantile Amnesie bezeichnet in der Psychologie das Phänomen, dass die meisten Erwachsenen sich nicht an Ereignisse erinnern können, die sich vor dem dritten Lebensjahr abgespielt haben.

Es gibt je nach zugrunde gelegter Theorie verschiedene Annahmen für dieses Phänomen:

  • Psychoanalyse: Sigmund Freud brachte diesen Vorgang in Zusammenhang mit Verdrängung. Dieser Annahme widerspricht jedoch, dass nicht nur negative Erinnerungen, sondern alle Erinnerungen vergessen werden. Recht haben sie!
  • Hirnreifung: Die für bewusste Erinnerung notwendigen Hirnstrukturen sind bei Geburt noch nicht vollständig entwickelt (Schachter, Moscovitch, 1984). Langzeiterinnerungen können erst gespeichert werden, wenn sich bestimmte Hirnstrukturen herausgebildet haben.
    Hierzu gehören subkortikalelimbisch-dienzephalische Strukturen, die erst im Alter von 2 bis 3 Jahren voll ausgereift sind (umstritten) und neokortikale Areale (z.B. im inferotemporalen Kortex) (McKeeund, Squire, 1993)
  • Enkodierung: Frühe Erinnerungen werden nur als Handlungen oder Empfindungen enkodiert. Sie sind später nicht mehr abrufbar, da sie in einem anderen Format als spätere Erinnerungen (vorwiegend sprachlich) gespeichert wurden (Howe, Courage, 1993)
    Das Sprachvermögen ist noch nicht entwickelt, autobiografische Erinnerungen kann ohne Sprache nicht enkodiert werden. (enkodiert = in Code einbinden)
    Vergleich zu Computertechnik: Ich kann aus einem .jpg ein .gif machen. Ich kann das gif zwar wieder in ein .jpg umwandeln, aber es hat sich nur 256 Farben gemerkt, der Rest ist verloren.
  • Etwa ab dem 2. Lebensjahr entwickelt das Kleinkind eine eigenständige Persönlichkeit (es erkennt sich selbst im Spiegel). Seine Erfahrungen werden ab diesem Zeitpunkt als persönliche ICH-Erlebnisse abgespeichert (Ich, meine Hand, meine Mama,...). Wenn das Ich-Bewusstsein voll ausgeprägt ist, erinnert man sich nicht mehr bewusst an frühere Erlebnisse, die nicht ICH-kodiert sind (da diese ohne ICH-Code im Gedächtnis abgespeichert sind). (Kinseher, 2008)
  • Entwicklungsstand der Wissensstrukturen (Fivush, Hammond, 1990): Infantile Amnesie beruht nach dieser Annahme auf dem Fehlen distinktiver Abrufreize und auf der Tatsache, dass kleine Kinder erst noch Rahmenstrukturen erwerben müssen, um Ereignisse nachzuerzählen und in ihr Gedächtnis aufzunehmen. So konzentrieren kleine Kinder sich auf die Gemeinsamkeiten zwischen den Ereignissen, dies ist jedoch schlecht dazu geeignet, das Abrufen später zu erleichtern. Außerdem verfügen sie noch nicht über eigene Rahmenstrukturen um Erinnerungen zu konstruieren. Aus diesem Grund sind diese frühen Erinnerungen fragmentiert, was das spätere Abrufen erschwert. Infantile Amnesie ist somit auf das Bemühen um die Bildung von Skripts und das Vergessen von aus dem Rahmen fallenden Ereignissen zurückzuführen. Die geistige Welt eines Babys ist anders als bei älteren Kindern; das Weltverständnis ist noch unterentwickelt oder einfach anders, so dass Babys geistig noch nicht in der Lage sind, Ereignisse auf eine Weise zu deuten, die eine Strukturierung oder Speicherung ermöglichen würde.
  • Die frühesten Erinnerungen gehen mit der Zeit verloren, im Gegensatz zu der Theorie, dass sie gar nicht erst entstehen. Sie gehen wahrscheinlich deshalb verloren, weil sie nicht bald wieder ins Gedächtnis gerufen werden (müssen), weil sie niemanden erzählt werden bzw. kein Austausch mit anderen darüber stattfindet.
    Es gibt einige Anhaltspunkte dafür, dass die frühesten Erinnerungen kleiner Kinder weiter zurückreichen als die von Jugendlichen und dass die Erinnerung von Jugendlichen wiederum weiter zurückreicht als die von Erwachsenen.

Mein Mann Mathis' früheste Erinnerung ist, dass er im Wohnzimmer der Eltern in seiner Wiege liegt und ein Insekt um ihn kreist. Es ist niemand da, und er fängt zu schreien an.

Jill Price aus dem Buch ist 18 Monate alt, als sie ihre früheste Erinnerung hat: Der Pudel des Onkel weckt sie auf und als sie in seine große braunen Augen schaut, die sie neugierig mustern, fängt sie an zu schreien.

Quelle: Wikipedia, rote Schrift meine/unsere Überlegungen,
lila Schrift aus Buch "Die Frau, die nichts vergessen kann" von Jill Price und Bart Davis

Bin mal gespannt, ob und wie sich der Wikipedia-Eintrag ändert!

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